Ueshibas Aikijo  


Der dritte Haupteinfluß auf die Kunst des "Jo" kam durch den Unterricht von Morihei Ueshiba, dem Begründer des modernen Aikido.
In vieler Hinsicht ist Ueshibas Aiki-Jo eine ausgewählte Form der Anwendung des kurzen Stabes. Dies ist auch die bekannteste gelehrte Form mit dem "Jo", von vielen Aikidoka auf der ganzen Welt geübt.

Ueshiba wurde im Jahr 15 Meiji (1883) geboren, zu einer Zeit, in der ein großer Teil seiner Ausbildung in den Kampfkünsten unter dem Einfluß von Kennern der Kriegskünste (bugeisha) stattfand, die noch Gelegenheit gehabt hatten, ihre Fähigkeiten praktisch einzusetzen. Als Kind oft krank, entwickelte er ein leidenschaftliches Interesse in den klassischen Kampfkünsten. In jungen Jahren ging er bei einigen Jujutsu- und Schwertmeistern in die Lehre, und übte sich auch im Umgang mit Speer und Hellebarde. Als Mensch mit tiefer religiöser Überzeugung vermengte Ueshiba schließlich die Lehren des Buddhismus und des eingeborenen Shinto, um Strategie und Philosophie dieser neuen Art des Budo, die er während des ersten Teils des 20. Jahrhunderts schuf, zu erklären. Einhergehend mit einer Erklärung zum Verständnis seines Budo, welches einen moralischen Anspruch auf der Basis von Erfahrungen darstellt, schloß er einen Zugang zum Kampf (oder auch um diesen zu verhindern) mit ein, der ein sowohl körperliches als auch geistiges Zentrum betont, welches zur Selbstkontrolle oder zur Kontrolle anderer eingesetzt werden konnte. Sein Aikido war vom Ursprung her im wesentlichen zirkular, nicht etwa, und dies ist wichtig zu bemerken, um einem Angriff auszuweichen, wie allgemein angenommen wird, sondern um vielmehr direkt dagegen einzutreten ("Irimi"!; A.d.Ü.) und ihm mit irgendeinem von mehreren kreisförmigen Würfen zu begegnen.

Eine der hervorzuhebenden Eigenschaften von Ueshibas Denkweise bezüglich des Kampfes war, daß die Prinzipien seines Aikido universal gültige Wahrheiten darstellten. Sie konnten zur körperlichen Selbstverteidigung ebenso angewandt werden wie im Umgang mit anderen, um eine harmonischere Gesellschaft zu schaffen.

Gleichfalls dachte er, daß die Neutralisierung eines einzelnen Gegners sich nicht Unterschied von der Überwältigung eines Duzends von Feinden. Ueshiba behauptete auch, daß diese mit leeren Händen ausgeführten Techniken auch mit Waffen im eigenem Besitz vollzogen werden konnten. Diese Prinzipien wie Bewegung aus den Hüften, Stärke aus dem Zentrum usw. waren genau die gleichen mit Schwert oder Stab, oder ganz ohne. Um die Fähigkeiten seiner Schüler zu fördern, verlangte Ueshiba rigoros Übung mit dem Holzschwert (Bokken) und dem Stab (Jo).

Aiki-Jo, wie Ueshibas Methode genannt wird, ist eine eklektische Form. Genauso wie die von ihm unterrichteten Übungen mit dem Bokken gehören diese nicht einer bestimmten Kampfschule (Stilrichtung) an. Die Techniken mit dem Stab, wie sie in den meisten Aikido Dojos gelehrt werden, sind eine Verschmelzung, nicht gedacht, irgendeinen Stil zu repräsentieren oder eine bestimmte Tradition von Kampfkunst zu bewahren, sondern um die Prinzipien des Aikido zu veranschaulichen, wenn diese mit einem verlängerten Arm (= Waffe) dargestellt werden. So wird der Schüler auch unterrichtet, den Jo als Verlängerung seiner Arme und seines Körpers zu sehen, und deshalb behandelt er ihn nicht als separaten Gegenstand, sondern als eine Verlängerung der normalen Bewegung mit dem Körper. Es gibt kaum ein Gesichtspunkt des Aikido, welcher nicht mit dem Jo vorgeführt werden könnte, und durch seinen Einsatz können viele Ideen noch angemessener ausgedrückt und gelernt werden.

Es war ein Grundsatz von Ueshiba, daß, wenn ein Aikidoka Schwierigkeiten mit Tai-Jutsu (Form der leeren Hand) hatte, sich dieser dem Bokken oder Jo zuwenden sollte, um eine andere Sichtmöglichkeit zu erhalten.
Der Begründer bezog sich auf seine Kenntnisse in So-Jutsu (Speerkampfkunst), um sein Aiki-Jo zu formulieren, aber er bestand darauf, daß die wirkliche Länge oder Typus der Stabwaffe nicht wichtig war. Deshalb zeigen ihn Photos, wie er dieselben Techniken mit ganz unterschiedlichen stabähnlichen Waffen ausführte. Für Ueshibas Aikido zählten nur die Prinzipien der Bewegung und das Gleichgewicht des Zentrums. Heutzutage wird der Umgang mit dem Jo erhalten und gepflegt im Jodo des Shindo Muso Ryu, im Jo-Jutsu verschiedener Waffenschulen in Japan und in Ueshibas Aiki-Jo. Er hat beträchtliche und weitreichende gesellschaftliche Veränderungen in Japan überlebt und wurde sogar in andere Länder übernommen. Darüber hinaus ist der Jo die einzige Waffe, die ohne Änderung in Form und Aussehen unverändert praktiziert wird in allen drei Versionen der Kampfkünste:

- dem klassischen Budo,
- dem modernen "Shin budo"
- und dem klassischen Stockkampf (Bojutsu).

Bei einigem Nachdenken eine nicht ungerechtfertigte Würdigung für ein einfaches Stück Holz.

Dave Lowry
Übersetzt von Walter Oelschläger / 1991