Aikido und der Körper  


Im Aikido unterscheidet man drei Ebenen des Seins: Den Intellekt (Geist), den Affekt (Gefühl) und die Physik (das Körperliche). Diese Elemente sind untrennbar, nur zusammen ergeben sie Sinn, um vereint das Individuum zu formen. Im folgenden betrachten wir den körperlichen Aspekt einer Aikido-Übung. Dabei sollten wir allerdings im Blick behalten, daß diese Übung durch die zwei anderen Ebenen mit beeinflußt wird und ihrerseits ebenso Rückwirkungen auf diese beiden Ebenen hat. Zum einfacheren Verständnis erklären wir das ganze anhand eines Beispiels. Es ist jedoch unbedingt zu beachten, daß einzig durch die Übung ein wirkliches Verstehen erreicht wird.

Eine Person erscheint im Aikidokurs so wie sie durch ihr Leben und ihre Erfahrungen geprägt ist. Da Aikido als natürliches Prinzip für alle gleichermaßen geeignet ist, ist die Person weder besonders talentiert noch ungeeignet für die Übung. Die Übung wird aus dem Körpergedächtnis des Schülers eine gewisse Anzahl von Vorfällen, die sein bisheriges Leben betreffen, ansprechen und hervorrufen.

Beispiel:

Ein traumatisches Erlebnis (nicht bewältigter Schock/Verletzung, dessen Ursprung man nicht sucht) hat eine gewisse Zahl von Ausgleichsvorgängen (Kompensationen) aneinandergereiht. Für unser Beispiel wären diese:

- Nach innen gedrehte Knie
- Blockieren des Beckens
- Übergroße Krümmung im Lendenwirbelbereich
- Blockieren der Schultern und starke Nackenwölbung

Es liegt jetzt nicht im Aufgabenbereich des Aikido-Lehrers sich als Therapeut zu sehen, überhaupt ist Aikido keine Therapie. Es ist eine Übung, zu der man kommt, nur um zu üben. Wenn sich doch eine therapeutische Wirkung zeigt, so ist dies eine einfache Folge des körperlichen Bewußtwerdungsprozesses des Schülers. Der Aikido-Lehrer sollte niemals versuchen, welchen Schaden auch immer zu beheben. Er gibt vielmehr dem Schüler Gelegenheit, sich seiner, in unserem Beispiel schlechten Körperhaltung bewußt zu werden. Eine Übung mit Bokken und Jo hilft beispielweise bei der Suche nach dem Gleichgewicht, bis das Gefühl für die richtige Körperhaltung entwickelt wurde und dabei die Stellung der Knie verbessert wird, etc. Betrachten wir hier nicht weiter die Kette der Ausgleichsvorgänge, zumal die Wirkung unseres Übens an allen Punkten gleichzeitig ansetzt. So erreichen wir mit Suwari-waza eine freiere Bewegung des Beckens; Aikiken hingegen hilft, die Wirbelsäule aufzurichten und die Schultern zu entspannen

Beim Aikido wird der Körper sich befreien, es gelingt ihm zu fühlen, sich zu äußern, zu schwingen. Diese Entwicklung wird erreicht durch eine genau festgelegte (strukturierte) Technik, die aber alles an Ausdrucksform, an Empfindungen zuläßt. Wir machen den Körper nicht zum Abhängigen seines Körperbaus. Das einfache Üben bewirkt, ohne es zu wollen, eine entspannte, lange Muskulatur ohne Verspannung. Wir verfolgen keine erzwungene Entspanntheit, die verletzungsanfällig ist, sondern nur eine Lockerung der Verspannung der Muskeln dadurch, daß wir ihrer bewußt werden. Blockierter Körper (sehr oft Ursache von Organschwierigkeiten) und Schultern wie Holzfäller (verantwortlich für Rückenschmerzen und -verspannungen und ungenügende, nur teilweise Atmung), haben ihm Aikido nichts zu suchen. Durch die Arbeit am Atem, durch umfassendes und ausgeglichenes Tun erreicht man ein Bewußtwerden seiner eigenen inneren Widersprüche (Ursache von Ängsten) und aus diesen abzuleitenden Muskelverspannungen (oft als Folge der Ängste).

In unserer Zivilisation, wo die Störung des biologischen Gleichgewichts oder umfassender: des natürlichen Gleichgewichts soziale Spannungen (Krankheiten physischer und psychischer Art) oder einfach nur Unwohlsein hervorruft, ebnet Aikido einen Weg zur Wiederherstellung wesentlicher Zusammenhänge und Funktionen.

Dessen Möglichkeiten lassen sich zusammenfassen mit: "Schauen, Verstehen, Handeln".

Diese Betrachtung ermöglicht das Erkennen der Probleme, die Übung führt zum wirklichen Leben und zur Integration der Prinzipien des natürlichen Ausgleichs (universelle Gesetze), folglich handeln wir danach. Das Bewußtwerden erfolgt durch die Übung, die Begegnung mit den fundamentalen Gesetzmäßigkeiten erfolgt durch die Übung; das Tun, welches der Entwicklung dient, ist das Üben.


André Cognard, Aikido-Meister, 8. Dan

Übersetzt und interpretiert: Walter Oelschläger / 1990